Montag, 16. Oktober 2006

semantische aufrüstung

harald schmidt hat es bei einer seiner wohlkallibrierten tabubrüche verwendet, im politischen feuilleton geistert es bereits seit einiger zeit durch die zeilen und nun hat es selbst herr beck vor kurzem in den mund genommen: das böse wort unterschicht.

"sozial benachteiligte", "sozialfälle", "bildungsferne schichten" oder schlicht "hartz-IV-empfänger": all das lässt sich mit dem einfachen wort unterschicht zusammen fassen. nicht nur semantisch wiesen die durchaus schon lange gebräuchlichen begriffe oberschicht und mittelschicht auf die definitionslücke am "unterem rand der gesellschaft" hin, um eine weitere verklausulierung zu bemühen. denn in einem sozialstaat mit sozialer marktwirtschaft darf es per definitionem eine unterschicht, also ein weitgehend entrechtetes proletariat nicht geben. diese, das eigene gewissen beschmutzende wort durfte es nur als historischen begriff oder als antiamerikanische abgrenzung zu den vereinigten staaten und ihrer vielbeschworenen "amerikanischen verhältnisse" geben – dem popanz bundesrepublikanischen gutmenschentums schlechthin. nun also kein drumrumreden, keine nebelbomben mehr, sondern klartext: unterschicht.

all dies erkennt matthias heine richtig und freut sich dabei diebisch in der fas, das linksliberale bürgertum plus sozialdemokratie beim winden und spitzfingern mit diesem phänomen zu beobachten. sein journalistisches leitmotiv ist nicht die sozialkritik, sondern der soziologische "distinktionsgewinn", sozusagen die psychologische rente der abgrenzung nach unten. denn wenn unterschicht ökonomisch definiert wird (und schließlich baut alles linke letztlich auf der politischen ökonomie des marxismus, auch hier hat herr heine recht), dann umschließt dies notwendiger weise auch das neue "präkariat". diese ansammlung von fertig-studierten und zu-tode-praktikantierten pseudoselbständigen, deren einkommen an geringfügigkeit den hartz-IV-empfängern in nichts nachsteht, sieht sich jedoch als klarer teil der mittelschicht - und soziologisch betrachtet gehören sie auch dazu. ökonomisch aber eben nicht.

jetzt kann man sich wie herr heine an dieser erkenntnis gütlich tun, und tatsächlich ist seine polemik auch eine gute lektüre. denn er ordnet die renaissance des begriffs unterschicht eben diesem distinktionsbemühen zu: ich präkariat (also mit stil, ausbildung, kultur und allen sonstigen bürgerlichen attributen ausgestatteter) – du unterschicht (= das gegenteil, bis hin zur leoparden-leggings). eine semantische aufrüstung gegen den drohenden eigenen abstieg. distinktionsgewinn. begriffsdefinition zum eigenschutz, nicht zur problemlösung.

und hier liegt der vorwurf an matthias heine: es reicht nicht, schadenfroh dem abstiegsbedrohten mittelschichtler seine eigene doppelmoral vorzuhalten. das ist, wiewohl wohl gesetzt, wohlfeil. wenn diese gesellschaft es sich leistet, 10% ihrer erwerbsfähigen mitglieder auszusortieren, ihnen mitzuteilen, dass sie als produktivkräfte schlicht überflüssig sind, ihnen gleichzeitig unterstellt, dass sie schmarotzer und taugenichtse wären, die überdies selbst schuld an ihrer lage hätten, und diese 10% eben nicht mehr alleinig arbeiter und einfache angestellte, sondern eben auch vertreter des bildungsbürgertums umfassen, dann gilt es, den begriff der unterschicht dahingehend zu analysieren, ob er als ankerpunkt einer lösungsorientierten diskussion taugt. und das bedeutet: dient dieser begriff nur zur abgrenzung, dann ist er kontraproduktiv: nur eine formulierung, die diese unterschicht auch als eigenbezeichnung anerkennt, kann dienlich sein, forderungen zu stellen. oder anders: man kann das proletariat nicht abschaffen, damit es sich erhebt.

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